Früher war alles besser

Nyx am 3. September 2009 um 09:50

In einem Praktikum in der Jugendarbeit erlebt man spannende Dinge… ich glaube, dass ich langsam weiß, was Menschen älteren Semesters meinen, wenn sie von der „Jugend von heute“ reden – und es wird zunehmend schlimmer.

Konnte mich früher ein Tütchen voller Murmeln, ein Jojo, ein Tretroller oder die gute alte Strickliesel (ja, das ist dieses Holzding mit dem Loch in der Mitte und den vier Haken, das mittels Wolle, einer dicken Stopfnadel und ein wenig Geschick unnütze Wollwürste von schier unendlicher Länge produziert) stundenlang beschäftigen, so muss es heute die Playstation, die Wii oder vergleichbares technisches Gedöhns sein.

Überhaupt läuft ohne Technik nichts – „Generation ADS & SMS“ ist nicht mehr in der Lage, unfallfrei einen Brief geschweige denn eine Bewerbung zu schreiben, lädt Dir aber jeden Porno runter und verständigt sich in SMS und Instant-Messenger über für Außenstehende schier unentschlüsselbare Zeichenfolgen: „2l8 bin afk – hdl 4e!“ – Hä??

Überhaupt läuft ohne Technik nichts mehr: „Ey, darf isch Computer?!“ ist an der Tagesordnung… was willst Du Computer? Kaufen? Mieten? Aus dem Fenster werfen? Na, warum nicht… solange der Satz nicht mit „…, Alter!!“ endet.

Sein eigenes Handy hat sowieso jeder dabei – das Ding ist aber nicht nur zum Telefonieren oder zum Versenden der oben genannten kryptischen Zeichenfolgen da – damit werden Fotos gemacht, damit wird Musik gehört – und es wird gefilmt, wie Mitschülern deren Handys „abgezogen“ werden… ein Glück, dass wir uns früher höchstens gegenseitig die Bleistifte, das Frühstücksbrot oder die Sunkist-Chemie-O-Saft-Päckchen geklaut haben – ja, letztere waren die kleinen viereckigen Dinger, von denen sich unsere Eltern wenigstens einreden konnten, sie seien gesund und die heute von Cola, Fanta und Red Bull abgelöst wurden.

Ja, vieles ist anders geworden… früher haben wir nach der Schule auf dem Spielplatz getobt, Fußball gespielt, auf dem Bauernhof den Misthaufen umgegraben, Kälber gefüttert oder Nachbars zusammengeschobenen Kieshaufen wieder auseinandergewühlt – heutzutage ist körperliche Anstrengung offensichtlich nicht mehr „in“, denn heute „hängt man rum“.

In der Praxis sieht dies für den Durchschnittsmenschen erstmal nicht ungewöhnlich aus – wenn man eine Gruppe von Jugendlichen an einer Bushaltestelle sieht, denkt man sich, die warten auf’n Bus. Doch weit gefehlt: Die hängen rum… das bedeutet in der Praxis, man versammelt sich dort, sitzt oder steht eine Weile herum – danach löst sich die Veranstaltung zumeist friedlich wieder auf und jeder geht seiner Wege.

In meiner Jugend hieß ein ähnliches Phänomen noch „Demo“, wurde größtenteils von Menschen mit bunten Haaren, Lederstiefeln oder solchen, die Fiffi sein Nietenhalsband geklaut hatten, praktiziert und hatte immer irgendeinen zumindest aus unserer Sicht nachvollziehbaren politischen Zweck.

Die Sache mit der Bewegung hatte ich bereits angesprochen – ist aber so gar nicht mehr möglich: Die „Hopper“ müssen aufpassen, dass ihnen die Hose, deren Arschteil irgendwo zwischen Kniekehlen und Boden hängt, nicht komplett runterrutscht, und das weibliche Volk hat zu tun mit Hüfthosen und der daraus resultierenden Notwendigkeit, sicherzustellen, dass man ihren Tanga nicht sieht (oder eben, dass man ihn sieht, ich habe das Prinzip noch nicht komplett durchschaut) und mit Schuhen mit höheren Absätzen, als die höchsten, mit denen ich heute schmerzfrei sitzen kann, als Alltagsschuhe – und natürlich mit den daraus resultierenden Blasen an den Füßen.

Tja – früher war halt alles besser… sogar die Vergangenheit. Aber haben so nicht unsere Großeltern auch schon geredet, als wir klein waren? Und wollten wir nicht genau so nie werden?

Ich werd’ alt und spießig… und nachher dann mal wieder ins Jugendzentrum stiefeln, Kiddies bewachen, die Netbooks leihweise unters Volk bringen und gucken, ob die Hüpfburg noch steht… die haben wir nämlich auch – und wenn ja, schnappe ich mir nachher ein paar Jugendliche, gebe ihnen Gürtel, lasse sie die (Stöckel-)Schuhe ausziehen und zeige denen mal, woran wir früher Spaß hatten… für den einen ist es der Versuch der Verständigung zwischen den Generationen, aber für mich ist es einfach nur nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.

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