Von Essigpissern und Roller-Rossis
Nyx am 24. November 2009 um 11:43Immer wieder begegne ich ihnen, immer wieder habe ich was zu Lachen – heute widme ich ihnen ihren eigenen Text, den Essigpisserfahrern, wie mein Opa sie zu nennen pflegte.
Die Rede ist von Motorrollerfahrern – im Prinzip hab’ ich ja nichts (Wirksames) gegen Zweitakter, obwohl’s für meinen persönlichen Geschmack nichts ist (alle Jahre wieder, wenn ich mal für irgendwen an so einem Gefährt schrauben muss und das Ding hinterher noch zur Überprüfung des ordnungsgemäßen Zustandes eine Runde fahre, stelle ich wieder fest, dass ich einfach zu sehr an den Komfort bremsender Motoren gewöhnt bin – spätestens, wenn ich mal wieder viel zu schnell und mit dementsprechend dezent verkrampfter Körperhaltung auf der Simson von Karl-Gustav in die 30-Zone einbiege, weil ich nur den Gashahn zugemacht habe und es in dem Moment, in dem ich feststelle, dass der Effekt gleich Null ist, schon viel zu spät zum beherzten Zupacken an der Bremse ist) – aber mit einigen Dingen muss ich hier doch mal aufräumen.
Sieht man die Zweiradszene an sich schon als gespalten an in beispielsweise die nie-wieder-Achselschweiß-Fraktion mit ihren Rüttelplatten (Anmerkung der Redaktion für den geneigten Leser ohne Moppedfahrerhintergrund: Chopper), die Joghurtbecherfraktion mit ihren Plastebombern (Anmerkung der Redaktion für den schon vorher erwähnten Leser: Sportler), die Topcase-Tankrucksack-Navi-Textilklamotten-Fahrer (Anmerkung der Redaktion für den abermals erwähnten Leser ohne Moppedfahrerhintergrund: Tourer), diverse Mischformen (Sporttourer – also mit Textilhose und Rennstiefeln unterwegs – aufrecht wie ein Fahnenmast, aber die Beine schlafen einem trotzdem ein oder Vergleichbares) und Randgruppenerscheinungen (Beispiel Fighter – für den einen ist es sein unverwechselbares, individuelles Kunstwerk, für das er seine Frau ins Tierheim geben und seinen Hund auf den Strich schicken würde, für den anderen ist es nur einer von vielen verbastelten optischen Heck-Auffahrunfällen… falls hier aber einer mitliest: Ich mag Euch, aus mir spricht nur der Neid der Besitzlosen gepaart mit dem mich auf einen eigenen Umbau vertröstenden Wissen, dass vor meiner Tür auch ohne Umbau was Seltenes steht) – dann sind da immer noch SIE: Die Rollklofahrer (mal so’n Helmfach aufgemacht? Wenn da kein Ghettoblaster drin steht, ist da richtig Platz, und optisch erinnert das tatsächlich an Badezimmermobiliar) mit ihren rasenden Küchenstühlen mit Windschutz vor den Eiern.
Die Spezies der Rollerfahrer scheint in sich noch mal in verschiedene Unterarten (böse Zungen reden auch von Entartungen) gespalten zu sein – es scheint da mehrere Kategorien zu geben – trennen wir erst einmal nach Material:
Da wären zuerst einmal die Plastefahrer – optisch ganz einfach daran erkennbar, dass sie auf ihrem Made-in-China-Obi-Baumarktföhn sitzen und sich ihres Lebens freuen. Einen Vorteil hat das Ganze: Abgesplittertes Plastik ist meines Erachtens nach weniger tragisch als rostendes Blech und einfacher mit Aufklebern in Carbon-Optik notdürftig aufzuhübschen – und damit wären wir auch schon bei den Blechfahrern: Fahren älteres Material meist deutscher oder italienischer Herkunft, Zustand des Fahrzeugs von einwandfreiem Lack, poliert und geliebt ohne Ende bis verrostet und vergammelt Marke „Wertverdopplung durch Volltanken“ – kurz: „Das Ding aus dem Sumpf.“ Merke dazu: Ich habe schon oft zusammengerottete Meuten bestehend aus Rollerfahrern gesehen, aber noch nie Plaste- und Blechfahrer auf einem Haufen.
Kommen wir nun zu der anderen Art der Unterteilung – nämlich der nach Hubraum des Fahrzeugs, und fangen wir an mit der kleinen Fraktion: Alles das, was ab 16 gefahren werden darf, wird ab 16 gefahren – schön, wenn man auf eine Gruppe von Rollerfahrern aufläuft, die mit 45 km/h (bei Rückenwind und bergab) möglichst zu zweit nebeneinander fährt und sich dabei nett unterhält (da bekommt der Ausdruck „Latrinenparole“ als Bezeichnung für Gespräche zwischen Soldaten, die sich zur gemeinsamen Entleerung an den Sickergruben trafen, eine völlig neue Bedeutung, wenn man will – Stichwort Rollklo)… ja, bei der Geschwindigkeit kann ich das auch, aber ich will es gar nicht… Fahren ist Fahren, und Sabbeln ist hinterher!
Noch besser ist die gedrosselte Variante für die ganz kleinen ab 15 – ich bin schon mehrmals vor Lachen fast vom Fahrrad gefallen, weil hinter mir minutenlang ein irrsinniger Lärm aus dem zur besseren Soundentfaltung mit diversen Bohrlöchern verschönerten Endtopf einer dieser Schleudern ertönte, dass mir Angst und Bange wurde, bis mich dann einer dieser Roller-Rossis überholte… ein Bild für die Götter, wenn sich da so’n 15jähriges Käsegesicht auf seiner Plaste-Rosinante zusammenfaltet, damit’s 0,5 km/h schneller geht, dabei aber den Integralhelm für 13,50 Euro (aus dem selben Baumarkt wie sein Gefährt) nur oben auf dem Kopf balanciert – ganz großes Kino.
Überhaupt geht das Fahren dieser Teile (mit Ausnahme von Heinrich und Wilfried, die mit 87 Jahren im Heinkel-Club nochmal richtig aufblühen und Schrott-Horst, der mit dem unter Zuhilfenahme eines Stückes Blumendraht an seinem Roller festgetüddelten Fahrradanhänger den Dreck aus seiner Gartenlaube wegfährt) offensichtlich mit jugendlichem Alter und gewissen Verhaltensweisen einher – neben dem schon angesprochenen Tragen des Helmes nur ganz oben auf dem Kopf (abgeguckt wohl von der Baggyhosen-Hopper-Fraktion, die ihre Baseballcaps neuerdings so hoch auf ihrem Kopf tragen, dass sie zwar von jedem Windstoß erfasst werden, allerdings dafür ihre albernen Frisuren nicht zerstören) rottet man sich abends am Wendehammer zusammen (solange Mutti einen eben rauslässt), jeder holt sein Handy raus zum gegenseitigen Vergleich der neuen Jamba-Errungenschaften (und der neuesten illegalen Videos aus dem Netz) und irgendein Held holt einen batteriebetriebenen Ghettoblaster aus seinem Helmfach (wie auch immer der dort Platz fand, wenn man vielfach sieht, dass selbiges schon nicht mehr zu geht, wenn da’n Helm drin liegt, weshalb dieser oftmals nur irgendwo am Roller hängt – mit der Helmöffnung schön nach oben, damit jemand von der gegnerischen Fraktion bequem irgendwelche Körperflüssigkeiten darin loswerden kann) und spielt etwas ab, was in deren Ohren Gerüchten nach zu urteilen wohl Musik sein soll – in meinen ist es jedoch genauso Lärmbelästigung wie das, was so aus ihren Fahrzeugen kommt. Darüber hinaus kommt es bei diesen Versammlungen auch zu fahrzeugtechnischen Schwanzvergleichen Marke „Wer hat den schönsten Carbon-Aufkleber?“ oder „Wer hat die hellste batteriebetriebene LED-Beleuchtung aus der bei Mutti geklauten IKEA-Lichterkette?“ – der Kreativität bei Umbauten scheint da keine Grenze gesetzt zu sein.
Wenn diese Halbstarken wirklich die Motorradfahrer von morgen sind, graut es mir vor der Zukunft: „Eeeeeeey, Digger – Alder!“ statt „Hallo!“ oder regional bedingt auch gern „Moin Moin!“, das Bierzelt auf dem Treffen wird vom gemütlichen Rockschuppen zur Technohölle und statt den Patches auf der Kutte wird das Erkennungszeichen der nicht vollständig aufgesetzte Helm – von Rockern alter Schule, die einem die Tür aufhalten (oder zur Not die Haare halten würden, wenn’s doch mal zu viel Bier war), einem beim Schrauben den noch am wenigsten versifften Putzlappen zum Pfotenabwischen reichen oder ähnlichen Aufmerksamkeiten, die ich als Mädel unter Moppedfahrern vereinzelt genieße, mal gar nicht angefangen.
Kommen wir aber zur Königsklasse der Roller – der großhubraumigen Fraktion… Roller, die zum Teil bis 200 km/h fahren… und ich muss ganz ehrlich sagen: Das macht mir Angst! Bei solchen Geschwindigkeiten würde ich nicht in einer Sitzposition wie auf Muttis Küchenstuhl sitzen wollen – wirklich nicht! – Die Fahrer dieser Geräte offensichtlich schon.
Interessanterweise darf man diese Fahrzeuge ab 18 Jahren fahren – die jüngsten Fahrer dieser Art von Roller, die ich bisher sah, waren jedoch ausnahmslos schon im Rentenalter, der Durchschnitt hat jedenfalls die Halbwertszeit wohl lange überschritten und die ältesten rochen schon nicht mehr gut… aber was will man machen, wenn das, was der Motorradmarkt für solche Kaliber bietet (selbstaufbockender Hauptständer, Radio, Koffer Modell „drei Zimmer, Küche, Bad“, Heizgriffe, Sitzheizung, Wohnzimmersessel als Soziusplatz, Rheumadecke und optional zu montierender Fuchsschwanz) nicht mehr ausreicht? – Richtig, offensichtlich wird man Rollerfahrer…
Liebe Leute, es ist alles kein Problem – fahrt, was Ihr wollt (oder könnt, oder dürft), meinen Segen habt Ihr – aber nehmt Eure Brille mit, wenn Ihr unterwegs seid und eine braucht, guckt ab und zu in Euren Rückspiegel – und lasst mich durch, wenn Ihr mit 23,5 km/h leicht bergauf über die Landstraße schleicht… das passt, mein Mopped ist auch nicht breiter als Ihr mit Euren Essigpissern, wenn Ihr Eure Tupperpartys auf offener Straße mal nicht zu zweit nebeneinander feiern müsstet… ich seh’ irgendwann nämlich auch nichts mehr, wenn ich Euren Ölfilm auf dem Visier habe (ich hab’ meinen Helm nämlich vernünftig auf), außerdem krieg’ ich’n Kotzreiz, wenn ich den Kram auf leeren Magen riechen muss morgens, und schlecht für meinen Blutdruck ist das Geschleiche auch noch.
Widmen möchte ich diesen Text neben allen anderen Rollerfahrern übrigens demjenigen, der hier bei mir im Wohngebiet wohnt und es zum Teil schafft, mich pro Nacht dreimal zu wecken mit seinem Höllenstuhl – wenn ich eines guten Tages herausfinde, wo genau Du wohnst, schweiß’ ich Dir die Löcher zur Soundverschönerung im Schalldämpfer umgehend wieder zu, mein Freund!
am 24. November 2009 um 11:44 Uhr.
bjoooooooooooooooochen… *muahaha*
Dat klappt ja mit dem “Ich will mehr” – ich bin schwer begeistert!
am 12. Februar 2010 um 19:38 Uhr.
genau meine meinung