Knigge-Katastrophe

Nyx am 26. Februar 2010 um 16:02

Ich gebe zu, ich bin in einem eher einfachen Haushalt großgeworden… und ja, bei mir zu Hause wird durchaus auch mal aus dem Pizzakarton auf dem Sofa gegessen, aber was ich heute in geballter Form erlebt habe, schlägt dem Fass den Boden aus.

„Mal eben in die Stadt“ wird zum echten Abenteuer… warum macht eigentlich niemand einer offensichtlich älteren Dame mit Gehhilfe einen Sitzplatz frei, den sie erreichen kann? Nee – da muss klein Nyxchen natürlich erstmal ihren Sitznachbarn (Marke Checker und am Telefonieren: Digger, Alder, Digger, Alder, yo Mann… wenn der Typ am anderen Ende der Leitung genauso geredet hat, bin ich nicht sicher, dass einer von beiden wusste, was der andere wollte) umständlich aufscheuchen und mit ihm einen Sitzplatzwechsel arrangieren (Checkerchen durfte dann am Fenster weiter mit Digger-Alder telefonieren), damit die gute Frau nicht durch den Bus fliegen musste.

Nachdem mir (inklusive zweier Taschen in der Hand) mehrmals die Tür vor der Nase zufallen gelassen wurde und ich (ebenfalls inklusive der bereits erwähnten Taschen) mit einer Mutter einen Kinderwagen eine Treppe hochgetragen hatte (der eine oder andere männliche Zeitgenosse Marke Muckibude lief dabei an uns vorbei – wollten wohl wie ich eigentlich auch gern den Bus noch kriegen, einem davon blieb aber noch Zeit, sich an der Haltestelle ausgiebigst rotzenderweise irgendwelchen Materiales zu entledigen) drängte sich mir die Frage auf: Wo sind sie, die Gentlemen von früher? Alle schon ausgestorben? Das kann doch eigentlich gar nicht sein!

Wie gesagt… ich stamme aus einem einfachen Haushalt, 90% des Jahres ziert den Tisch eine Wachstuchdecke, und die Sache mit dem Pizzakarton ist durchaus nicht verboten – aber ist es zuviel verlangt, mit seinen Mitmenschen so umzugehen, dass niemand unnötig gestört oder angeekelt wird, sich nicht verletzt, wenn es vermeidbar ist und ansonsten einfach in Ruhe sein Leben leben kann?

Sicher – ich gebe zu, dass ich ab und an im angemessenen Rahmen ein Knigge-Junkie bin… im Laufe meines mittlerweile 23 Jahre alten Lebens habe ich festgestellt, dass es ab und zu angenehm ist, wenn ein Mann die Treppe hoch hinter einem und die Treppe hinunter vor einem geht, wenn frau auf zentimeterhohen Absätzen (die sie übrigens nicht zuletzt wegen besagtem Herrn trägt) vor sich hin stöckelt… dass der gereichte Arm eine nette Geste ist, die man durchaus annehmen kann, wenn es aufgrund von Schnee und Eis glatt ist… dass es ebenfalls eine nette Erfahrung sein kann, dass jemand darauf achtet, dass ich in guten Klamotten ins Auto komme, ohne mich vollzusauen und dass ich durchaus auch mal zuerst durch eine möglichst noch aufgehaltene Tür gehen darf… wenn besagter Mann dann noch in der Lage ist, mich zum Tisch zu geleiten, ohne dass es peinlich wirkt, einen Stuhl zurechtzurücken, ohne dass ich gezwungenermaßen mit dem Tisch auf Kollisionskurs gerate und mir den Mantel abnehmen und reichen kann, ohne mit meinen langen Haaren überfordert zu sein, ist das – wenn das Ambiente und die Begleitung stimmt – ein Traum… und absoluter Luxus: Ich gebe zu, ab und zu steh’ ich drauf mittlerweile.

Das muss ja aber alles gar nicht sein im alltäglichen Leben… ich bin ja schon froh, wenn mir niemand die Tür vor der Nase zuknallt oder mir vor die Füße rotzt… aber wenn beim überwiegenden Teil der Männer in meinem Alter kultivierte Nahrungsaufnahme offensichtlich beim Kurs „Döner essen in fünf Minuten“ endete, Niveau für eine Handcreme gehalten wird und ich einem Mann erst beweisen muss, dass ich in der Lage bin, eine Tür selbstständig zu öffnen, sehe ich die Fortpflanzung unserer Art zumindest was mein eigenes Zutun zu dieser Sache angeht, ehrlich gesagt stark gefährdet.

Einen Kommentar schreiben:

Du mußt angemeldet sein um einen Kommentar abgeben zu können.